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Der 10 m breite, mehrteilige Brückenkörper überspannt in einer langgezogenen S-Form zwölf Gleise des Hauptbahnhofs von Zwolle. Er liegt auf fünf Stahlportalen auf, die nicht orthogonal, sondern jeweils winklig zur Geh- bzw. Fahrbahn angeordnet sind – abhängig von der Lage der Bahnsteige und den erforderlichen seitlichen Abständen zu den Gleisen. (Foto: Lukas Osterloff – IB Miebach)
Der 10 m breite, mehrteilige Brückenkörper überspannt in einer langgezogenen S-Form zwölf Gleise des Hauptbahnhofs von Zwolle. Er liegt auf fünf Stahlportalen auf, die nicht orthogonal, sondern jeweils winklig zur Geh- bzw. Fahrbahn angeordnet sind – abhängig von der Lage der Bahnsteige und den erforderlichen seitlichen Abständen zu den Gleisen. (Foto: Lukas Osterloff – IB Miebach)
Der 10 m breite, mehrteilige Brückenkörper überspannt in einer langgezogenen S-Form zwölf Gleise des Hauptbahnhofs von Zwolle. Er liegt auf fünf Stahlportalen auf, die nicht orthogonal, sondern jeweils winklig zur Geh- bzw. Fahrbahn angeordnet sind – abhängig von der Lage der Bahnsteige und den erforderlichen seitlichen Abständen zu den Gleisen. (Foto: Lukas Osterloff – IB Miebach)
Die Passerelle erreicht mit den Treppenanlagen eine Gesamtlänge von rund 180 m. Außer dass die Treppen die Brücke erschließen, haben sie auch tragende Funktion: Sie dienen dem Brückensystem als Längsaussteifung bzw. stabilisieren es quer über die seitlich anschließende Treppe und Fachwerkgerüste für die Aufzüge. (Fotos: Mikkel Eye)
Die Passerelle erreicht mit den Treppenanlagen eine Gesamtlänge von rund 180 m. Außer dass die Treppen die Brücke erschließen, haben sie auch tragende Funktion: Sie dienen dem Brückensystem als Längsaussteifung bzw. stabilisieren es quer über die seitlich anschließende Treppe und Fachwerkgerüste für die Aufzüge. (Fotos: Mikkel Eye)
Bäume, Holzbänke und gepflasterte Wege verwandeln die Brücke in einen öffentlichen Park über den Schienen. Ein ausgeklügeltes System mit einer zentralen „Quelle", von der das Wasser nach beiden Seiten verteilt wird, sorgen für die Bewässerung. (Foto: Erik Karst)
Die flache S-Form der Brücke ergab sich aus den städtebaulichen Gegebenheiten. Sie ermöglichte die Verbindung der nicht in einer Achse liegenden Anbindungswege auf der Nord- und Südseite. (Foto: Ben en Ann ter Mull)
Der Park auf der Brücke lädt mit viel Grün zum Flanieren und Verweilen ein und bietet einen einmaligen Blick auf die umliegende Stadt Zwolle. (Foto: Ben en Ann ter Mull)
Der Park auf der Brücke lädt mit viel Grün zum Flanieren und Verweilen ein und bietet einen einmaligen Blick auf die umliegende Stadt Zwolle. (Foto: Ben en Ann ter Mull)

Highline in Holz über die Gleisanlage von Zwolle

Der Bahnhof in Zwolle ist der zweitgrößte Verkehrsknotenpunkt der Niederlande. Dass er einmal von einer Holzbrücke überspannt würde, war lange nicht absehbar: Ein erster Entwurf sah noch eine schlichte, gerade Stahlbrücke vor. Eine vertiefte städtebauliche Analyse formulierte jedoch einen höheren Anspruch – die Brücke sollte nicht nur Querung, sondern Erlebnis sein: zukunftsfähig, grün und identitätsstiftend. Seit 2025 freut sich Zwolle daher über eine Fuß- und Radbrücke aus blockverklebten Brettschichtholz-Trägern, die als parkähnliche „Elevated Street" mit Bäumen, Sitzbänken und einem Wasserspiel über die Gleise des Hauptbahnhofs führt.

Das Planungsteam aus den leitenden Architekten bzw. Landschaftsarchitekten Karres en Brands aus Hilversum (NL), dem Ingenieurbüro Miebach aus Lohmar sowie dem Büro für urbanes Design IPV Delft (NL) wurde mit Unterstützung des Projektmanagers Wouter Kolijn zusammengestellt und 2020 mit der Planung der Brücke beauftragt. Das Ergebnis: eine knapp 130 m lange, 10 m breite und bis zu 7,5 m hohe, S-förmig geschwungene Brücke, die über die zwölf Gleise und den Busbahnhof von Zwolle führt. Bäume, Sitzstufen mit Holzbelag, bepflanzte Granitelemente und ein Bewässerungssystem mit zentraler „Quelle", das Wasser nach beiden Seiten verteilt, machen sie zum öffentlichen Park über den Schienen. Mit Treppenanlagen erreicht die Konstruktion rund 180 m Gesamtlänge.

Die flache S-Form ergab sich nicht nur gestalterisch, sondern auch aus den städtebaulichen Gegebenheiten. Spannweiten bis 34 m, eine geplante Nutzungsdauer von 100 Jahren in Holzbauweise und eine Deckstruktur als Gründach stellten die Tragwerksplaner vor anspruchsvolle Aufgaben. Neben den gestalterischen Zielen galt es, drei Herausforderungen zu meistern: ein dauerhaftes Abdichtungssystem mit Feuchtigkeitsmonitoring, die vollständige Ausführungsplanung  samt Tragfähigkeitsnachweis und – als größte – das Montagekonzept. Der Termin der Gleissperrung stand lange fest und war unverrückbar; die Hauptkonstruktion musste binnen 100 Stunden stehen. Wegen der hohen Komplexität überführten die Lohmarer Ingenieure die Tragwerksplanung des Holzüberbaus parallel zur Realisierung in ein BIM-Modell als digitalen Zwilling.

Oben: Die flache S-Form ergab sich aus den städtebaulichen Gegebenheiten, denn die anbindenden Wege auf der Nord- und Südseite liegen nicht in einer Achse. Der S-förmige Verlauf verstärkt zudem den Charakter des Durchquerens eines Parks. Unten: Die Radien der S-Form liegen zwischen 95,20 m (innen) und 104,80 m (außen). Die Auflagerportale stehen aufgrund der Gegebenheiten der Gleisanlage winklig unter dem Brückenkörper. (Zeichnung: IB Miebach)
Explosionszeichnung der S-förmigen Brücke mit Auflagerportalen, Stahl-Kopplungen, vierteiligem Brettschichtholz-Brückenkörper, Gehbahn und Geländer sowie anschließenden Treppenanlagen und Aufzügen. (Zeichnung: IB Miebach)
Brücken-Längsschnitt mit vier Feldern der Längen 22,90 m – 34 m – 34 m – 33 m und den Lichtraumprofilen des Bus- und Bahnverkehrs darunter, den die Brücke überspannen muss. (Zeichnung: IB Miebach)

Konstruktiver Aufbau: Holz und Stahl im Teamwork

Das Brückentragwerk besteht aus vier nebeneinanderliegenden, unterschiedlich gekrümmten, blockverklebten Brettschichtholz-Trägern der Festigkeitsklasse GL 28h. Sie sind über Stahlrahmen gekoppelt und liegen auf fünf geschweißten Stahlportalen. Die mittleren Träger haben mit 140 cm x 134 cm (b x h) einen nahezu quadratischen Querschnitt; die äußeren sind auf der Außenseite abgetreppt, beginnend mit einer Breite von 120 cm unten bis 220 cm oben. Die kastenförmigen Kopplungsrahmen wurden horizontal mit bis zu 60 cm langen Schrauben an den Trägern montiert und vertikal mit bis zu 130 cm langen Schrauben gegen Querzug gesichert.

Querschnitt der 10 m breiten Brücke aus vier blockverklebten Brettschichtholz-Trägern, gekoppelt durch Stahlrahmen, einer 15 cm dicken Brettsperrholz-Platte als Basis für den Gehbahn- und Gründachaufbau sowie den bis zu 7,50 m hohen Auflagerportalen aus Stahl. (Zeichnung: IB Miebach)
Die Brückenuntersicht zeigt den mehrteiligen, leicht gekrümmten Brückenkörper von Feld 1. Die Trägerlängen entsprechen nur in diesem Feld der Feldlänge bzw. dem Abstand der Auflagerportale. Die Kopplungsrahmen verbinden die Träger im Abstand von 10 m in Brückenlängsrichtung. (Foto: IB Miebach)
Die vier Querschnitte wurden aus fünf 22 cm dicken Brettschichtholz-Lagen sowie einer 24 cm dicken Lage zu 134 cm hohen Brückenträgern blockverklebt. Die Kopplungsrahmen verbinden sie über horizontale Verschraubungen. Die Querzugsicherung erfolgt über senkrechte, querschnittshohe Schrauben. (Zeichnung: IB Miebach)

Der mehrteilige Brückenkörper überspannt die Stahlportale über vier Felder. Diese Auflagerportale stehen weder parallel zueinander noch orthogonal unter der gekrümmten Fahrbahn: Sie mussten möglichst mittig auf den Bahnsteigen stehen, um Raum für Reisende zu lassen, und zugleich größtmögliche seitliche Abstände zu den Gleisen wahren. Die finale Platzierung erforderte neben den anderen Herausforderungen ein Tragwerksmodell, das auch lieferbare Trägerlängen und eine günstige Lage der Gerbergelenke berücksichtigte.

Gefertigte Brückenträgerlängen entsprechen nicht den Feldlängen

An den zentralen Auflager-Achspunkten gemessen ergeben sich Feldlängen von 22,90 m, zweimal 34 m und etwa 33 m. In einem der beiden 34-m-Felder wurden zwei Gerbergelenke in den Momentennulldurchgängen des als Durchlaufträger konzipierten Systems angeordnet.

Fertigungstechnisch „zerfällt" der Brückenkörper damit in einen 22,90 m langen Einfeldträger (Feld 1), zwei im Grundriss gebogene Einfeldträger mit Kragarmen und einen gebogenen Einhängeträger zwischen den Gerbergelenken mit 21,75 m abgewickelter Länge. Für den Träger aus Feld 2 ergeben sich rund 40 m (34 m + 6,15 m Kragarmlänge), aus Feld 4 knapp 39 m (33 m +  5,65 m Kragarmlänge). Die Gerbergelenke liegen in Feld 3, das den größten Abstand zum Kran hat; so galt es, die Länge und damit das Gewicht der Einhängeträger so zu wählen, dass der Kran das beim Einheben erzeugte Moment gerade noch aufnehmen kann.

Auch Brandszenarien waren einzubeziehen: Bemessen wurde für einen Zugbrand unter der Konstruktion, was vor allem die Stahl-Kopplungen betraf. Rechnerisch berücksichtigt wurden eine lokale Querschnittsschwächung und der Ausfall von Kopplungsrahmen über einzelnen Gleisen. In Bereichen, in denen der Ausfall von Stahlteilen zu einem Versagen der Konstruktion führen könnte, wurden Holzverschalungen zum Schutz der Stahlbauteile eingesetzt.

Oben: Übersicht der Positionierung der Auflagerportale sowie der Lage der Gerbergelenke zwischen Auflager 3 und 4. Mitte links: Prinzip-Isometrie der Einhänge-Träger mit Gerbergelenk-Anschlüssen und die der ankommenden Kragarme, an die sie anschließen. Mitte rechts: Anordnung und Ausbildung der Gerbergelenke G1 und G2 in der Aufsicht Unten: Detail-Schnitt und -Aufsicht auf die Gerbergelenke (Zeichnungen: IB Miebach)
Die Gerbergelenke wurden im Mittelfeld des Durchlaufträgers (in Feld 3) angeordnet, nicht zuletzt auch wegen der Montagegewichte. Denn das Mittelfeld hat den größten Abstand zum Kran, weshalb die am Kranausleger aufgehängten Träger mit zunehmendem Abstand zum Kran weniger Gewicht haben mussten. (Foto: Schmees+Lühn)
Äußerer, 45° abgetreppter Brettschichtholz-Träger mit in der Stirnseite eingelassenem Stahlanschlussteil des Gerbergelenks. (Foto: IB Miebach)
Montage eines mittleren Brückenträgers mit vormontierten Kopplungsrahmen ... (Foto: IB Miebach)
..., damit sich die vier Brückenquerschnitte vor Ort schnell miteinander verbinden lassen. (Foto: Schmees+Lühn)
Zwischenabstützungen und hydraulische Pressen stabilisieren das unfertige Primärtragwerk während der Montage. (Foto: Schmees+Lühn)
Einheben eines äußeren Einfeldträgerteils mit einem der nur auf wenigen Flächen aufstellbaren Kräne. (Foto: Schmees+Lühn)
Blick auf den Brückenquerschnitt des Endfelds nach der Montage aller vier Teile des Brückenkörpers. (Foto: Schmees+Lühn)
Aus der Luft gut zu erkennen: Hier fehlen noch die beiden äußeren Einhängeträger. Dann ist der vierteilige Brückenkörper fertig. (Foto: Schmees+Lühn)
In Brückenmitte ist der Brückenkörper so konzipiert, dass im Zwischenraum zwischen dem mittleren Kopplungsrahmen und der später aufgebrachten BSP-Lage die Leerrohre für die Stromversorgung verlegt werden konnten. (Foto: Schmees+Lühn)
Detail-Isometrie und -Querschnitt des Schichtenaufbaus über dem Brückenkörper (Zeichnung: IB Miebach)
Isometrie des Querschnittsaufbaus: Die vier Brettschichtholz-Träger bilden das Haupttragwerk; auf der Oberseite sind Lattung und Unterdeckbahn angebracht. Auf der Lattung liegen die Brettsperrholzlage-Platten, darüber folgt eine erste EPDM-Lage, dann das Monitoring-System, anschließend eine weitere EPDM-Lage. Den Abschluss bilden eine Schutzlage und der gesamte Gründachaufbau. (Zeichnung: IB Miebach)

Vorfertigung, Transport- und präzise Montageplanung als Schlüssel zum Erfolg

Die Brettschichtholz-Träger wurden in zwei deutschen Werken blockverklebt und zur Weiterverarbeitung an Schmees & Lühn im norddeutschen Niederlangen transportiert. Dort erfolgte über den finalen Abbund hinaus ein vollständiger Probeaufbau eines Brückenabschnitts auf dem Werksgelände, denn bei der Montage waren Toleranzen von wenigen Millimetern einzuhalten. Der zweiwöchige Probeaufbau erwies sich als unverzichtbar – ohne ihn wäre das Zeitfenster nach Einschätzung der Ausführenden nicht einzuhalten gewesen.

Zur werkseitigen Vorfertigung gehörte außer der Montage der Stahlkopplungsrahmen und der Montagestöße an den Trägerstirnseiten auch das Aufbringen der Unterspannbahn und der Lattung. (Foto: IB Miebach)
Die Vorfertigung der gebogenen Brettschichtholz-Träger erfolgte im Werk von Schaffitzel. Zuerst wurden die gekrümmten Träger-Lagen hergestellt und mit Klebstoff für die Blockverklebung vorbereitet. (Foto: Schaffitzel Holzindustrie)
Im nächsten Schritt wurden die einzelnen Lagen gestapelt, über eine Spannvorrichtung verpresst und so miteinander zu den benötigten Querschnitten verklebt. (Foto: Schaffitzel Holzindustrie)
Die Brückenträger mussten überhöht und bereichsweise sogar verdrillt hergestellt werden. Die abgetreppte Geometrie der äußeren Träger ließ sich durch die Blockverklebung mit geringem Verschnitt und ohne aufwändige CNC-Bearbeitung herstellen. (Foto: Schaffitzel Holzindustrie)
Die Brettschichtholz-Träger des vierteiligen Brückenquerschnitts wurden im Werk probehalber verlegt und alle Bauteilkomponenten überprüft. (Foto: Schaffitzel Holzindustrie)
Der Probelauf auf dem Firmengelände von Schmees & Lühn erwies sich später als unverzichtbar. (Foto: IB Miebach)

Ergebnis setzt starkes Zeichen

Die Passerelle Zwolle ist samt Parkgelände fertiggestellt. Der Soll-Ist-Vergleich zeigt eine exzellente Übereinstimmung von Entwurf und realisierter Konstruktion. Die Brücke steht für technische Ingenieurskunst und ein zeitgemäßes Verständnis von Stadtentwicklung: Sie verbindet zwei Stadtteile, schafft öffentlichen Grünraum und setzt ein starkes Zeichen – in Holz. Dipl.-Ing. (FH) Susanne Jacob-Freitag, Karlsruhe

Bautafel

Bauherrschaft: Gemeente (Kommune) Zwolle, NL

Auftraggeber: ProRail, NL-3511 EP Utrecht, www.prorail.nl

Generalunternehmer: Dura Vermeer Group, NL-3045 AP Rotterdam, www.duravermeer.nl

Architektur- und Designplanung: Karres en Brands (Landschafts- und Stadtplanung), NL-1223 RB Hilversum, www.karresenbrands.com
IPV Delft (Architektur und Urbanes Design), NL-2611 BB Delft, www.ipvdelft.nl
Wouter Kolijn (Projektmanagement), NL Pontico

Tragwerksplanung: IB Miebach (Konstruktion, Tragwerks- und Ausführungsplanung Brückenüberbau, BIM-Modell), D-53797 Lohmar, www.ib-miebach.de

abt consulting (Gründung und Betonbau), NL-6881 NK Velp, www.abt.eu

Attis (Gründachplanung und Wasserkonzept), NL

Breed (Gründung), NL

Lindschulte Ingenieurgesellschaft mbH (Stahlbau Treppen und Portale), D-48529 Nordhorn, www.lindschulte.de

Holzbau / Stahlbau: Schmees & Lühn GmbH & Co. KG (Holzbau, Stahlbau, Vorfertigung, Montage), D-49779 Niederlangen, www.schmees-luehn.de

Lieferanten Brettschichtholz-Träger:
Schaffitzel Holzindustrie GmbH + Co. KG, D-74523 Schwäbisch Hall, www.schaffitzel.de
Ing. Holzleimbau Wiedmann GmbH & Co. KG, D-79618 Rheinfelden-Minseln, www.wiedmann-holzleimbau.de