Die Verbindung von ökologischer Bauweise und emissionsfreiem Verkehr hat im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach ein hölzernes Fahrradparkhaus hervorgebracht, das direkt am Bahnhof als Mobilitäts- und Infopunkt für den intermodalen Verkehr dient. Die kreisrunde Form des Rades und die fließenden Bewegungen des Radverkehrs inspirierten den Architekten Sven Schneider zu einem organisch geschwungenen Baukörper mit fassadenintegrierten Photovoltaikmodulen.
Die rund 50.000 Einwohner zählende Mittelstadt ist Dienstsitz der Kreisverwaltung und wirtschaftliches Zentrum einer Region mit 150.000 Menschen; entsprechend stauen sich die Pendlerströme morgens und abends auf den Ausfallstraßen. Mit der Mobilitätsstation am Bahnhof verteilt die Kommune diese Verkehre nun gezielt auf die verschiedenen Verkehrsträger, allen voran auf das Fahrrad. Im Erdgeschoss beherbergt der Neubau ein Dienstleistungscenter für (Rad-)Tourismus und E-Mobilität samt Werkstatt und ÖPNV-Infostelle, im Obergeschoss stehen auf rund 780 m² etwa 400 Radabstellplätze bereit, die die Radelnden ohne abzusteigen über eine Rampe erreichen.
Die Gründung der gut 59 m langen, 18 m breiten und 7,80 m hohen Mobilitätsstation basiert auf einer 25 cm dicken Stahlbeton-Bodenplatte. Ebenso wie diese bestehen die beiden Erschließungskerne und die Außenwand der Rampe aus Stahlbeton; die Kerne steifen die Konstruktion aus und leiten die Horizontallasten der hölzernen Decken- und Dachebene in die Fundamente ab. Die werkseitig vorgefertigten Holztafelbau-Außenwandelemente des Erdgeschosses basieren auf einem 16 cm tiefen, mit Mineralwolle gedämmten Konstruktionsvollholz-Ständerwerk, das innenseitig eine an den Stößen verklebte OSB-Lage von 15 mm aussteift, die zugleich als luftdichte Ebene und Dampfbremse fungiert. Außen umsäumt eine hinterlüftete, vertikale Brettschalung aus Douglasienholz das Erdgeschoss.
Das innere Herzstück bildet eine tragende Mittelwand in Holzständerbauweise, die auf rund 30 m Länge das Kundencenter von den Nebenräumen und der Fahrradwerkstatt trennt. Ihre 43 mm dicken, massivhölzernen Akustikelemente mit integriertem Holzweichfaser-Schallabsorber erzielen Absorptionswerte bis zu 0,80 αw. Statisch dient die Akustikwand als Auflager für die Deckenscheibe und trägt zentrale Horizontallasten ab.
Die Decke über dem Erdgeschoss setzt sich aus 20 weitgehend vorgefertigten Elementen zusammen, die die Zimmerei Schuth im Werk vorfertigte. Mit Maximalmaßen von 18 m x 2,08 m x 0,56 m und einem Leergewicht von bis zu 2,8 t konnten sie aus Gewichtsgründen erst auf der Baustelle mit eingeblasener Zellulose gedämmt werden. Ihr Aufbau basiert auf zwei Balkenlagen (b x h: 16 cm x 52 cm) aus Fichten-Brettschichtholz der Festigkeitsklasse GL 24c, die oberseitig über 45 mm dicke Furnierschichtholz-Platten verbunden wurden. Zur Montage ließ man die Platten am Elementende 8 cm überstehen.
Die das Gebäude erschließende Rampe besteht beidseitig aus 30 cm dicken Stahlbetonwänden. Ihr Aufgang ruht auf spiralförmig mit Balkenschuhen angeschlossenen Brettschichtholz-Balken. Für die Tragwerksplaner von Pirmin Jung galt es, die kreisbogenartigen Geometrien an den Schnittstellen von Stahlbeton- und Holzbau abzubilden. Die Annäherung an den geschwungenen Baukörper erfolgte über polygonartig segmentierte Elemente und Bauteile.
Die Außenwände des Obergeschosses gründen auf einer Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Brettschichtholz, an der eine selbsttragende Aluminiumunterkonstruktion mit bis zu 6,75 m² großen Scheiben aus Verbundsicherheitsglas als Vorhangfassade montiert wurde. Die darin integrierten monokristallinen PV-Module erzeugen auf rund 220 m² Fläche bei einer Nennleistung von 150 W/m² den Ladestrom für die E-Bikes; ein hauseigener Stromspeicher stellt überschüssigen Solarstrom nach Sonnenuntergang bereit. Den oberen Abschluss bildet ein Flachdach aus Brettschichtholz-Balken und Fichtenholz-Dreischichtplatten mit einem extensiven Gründach. Marc Wilhelm Lennartz, St. Goar
Bauherrschaft: Stadt Bad Kreuznach,
D-55543 Bad Kreuznach, www.bad-kreuznach.de
Baukosten (KG 300 und 400): 2,1 Mio. Euro netto
Architektur, Gesamtkonzept: slb_architekten und ingenieure StadtLandBahn Hachenberg & Roll GbR,
D-56154 Boppard, www.stadtlandbahn.de
Holzbau-Werkplanung, Abbund, Vorfertigung: Zimmerei – Fertigbau Schuth GmbH,
D-56299 Ochtendung, www.holzbau-schuth.de
Holzbau-Montage, Dacheindeckung: Holzbau Lehmann GmbH,
D-55543 Bad Kreuznach, www.holzbaulehmann.de
Tragwerksplanung: Pirmin Jung Deutschland GmbH,
D-53424 Remagen, www.pirminjung.de
Glasfassade, Photovoltaik: JET Tageslicht & RWA GmbH,
D-32609 Hüllhorst, www.jet-group.com